Dienstag, 29. April 2003

Ausgelöschte Weltkulturgeschichte

Viel wurde und wird über falsche Einschätzungen zum Verlauf des Krieges
gegen den Irak geschrieben, die Warnungen vor der befürchteten Zerstörung
und Plünderung des irakischen Weltkulturerbes haben sich
bedauerlicherweise bis in ihre radikalste Konsequenz als richtig
erwiesen. Diese Warnungen wurden nicht von bekannten
Künstler-Persönlichkeiten vorgetragen und schon gar nicht an vorderster
Stelle in den Medien placiert, sie wurden von Archäologen vorgebracht,
von Kunsthistorikern und Museumsdirektoren, und zwar rechtzeitig, noch
lange vor dem Krieg. Niemand hat auf sie gehört oder wollte auf sie hören.

Wer auch immer anderen Fragen den Vorrang einräumen mag, es ist
unerträglich diesen seit den Naziraubzügen größten Kulturraub bzw.
Kulturvernichtungsfeldzug einfach nur als Begleiterscheinung eines als
"Befreiungskrieg" für die Bevölkerung des Irak und zum "Schutz vor
Terrorismus" geführten Krieges hinzunehmen. Was immer der nachstehende
Aufruf angesichts geduldeter und geschaffener Tatsachen auch bewirken
mag, er ist, wenn es um intellektuelle, künstlerische, kulturelle
Glaubwürdigkeit geht, schlicht notwendig.

Mit der Bitte um Unterstützung und mit freundlichen Grüßen

Gerhard Ruiss IG Autorinnen Autoren Wien, 25.4.2003


A u f r u f (Initiator/inn/en am Seitenende)

Ausgelöschte Weltkulturgeschichte

Vor den Augen der Welt hat ein beispielloser Kulturraubzug stattgefunden,
dem nahezu der gesamte Bestand der 5.000 Jahre alten mesopotamischen
Kultur zum Opfer gefallen ist. Schätzungsweise 170.000 (!) Objekte des
Nationalmuseums wurden entweder geraubt oder zerstört, Bibliotheken
niedergebrannt oder - wie die irakische Nationalbibliothek - komplett
leergeräumt.

Schon aus dem Golfkrieg 1991 war bekannt, daß im Sog des Krieges
Kunstschätze und Kunstsammlungen auf unterschiedlichsten Wegen aus dem
Kriegsgebiet verschwunden sind und von den damals 4.000 verschwundenen
Objekten in den folgenden 11 Jahren nur 500 wieder aufgefunden werden
konnten.

Schon dieser damalige vergleichsweise geringe und erst recht der jetzige,
eine gesamte geschichtliche Epoche betreffende Kulturraubzug wären nicht
möglich gewesen, hätten die angeblich zur Beendigung der Diktatur im Irak
kriegführenden Streitkräfte der Vereinigten Staaten und Großbritanniens
nicht weggesehen. Ein solcher Kulturraubzug ist weder unorganisiert noch
ohne Duldung möglich. Die Verantwortung dafür liegt eindeutig bei den
Regierungen beider Länder. Umso mehr, als beide Regierungen ausreichend
vorgewarnt waren und allgemein bekannt ist, daß sich sowohl
politisch-fundamentalistische Strömungen als auch die internationale
Kunstmafia solche Situationen zunutze machen.

Durch die Duldung dieses Kulturraubs haben sich die Regierungen der USA
und Großbritanniens auf eine Stufe mit jenen Kräften gestellt, die aus
religiös-fundamentalistischen Gründen die Auslöschung jeder anderen
Geschichte als der eigenen betreiben. Durch die Duldung dieses
Kulturraubs wurde der Welt vor Augen geführt, daß der Krieg der
Vereinigten Staaten und Großbritanniens gegen den Irak nie das Ziel
hatte, die Diktatur zu beseitigen, sondern aus einem eigenständigen Staat
eine gesichts- und geschichtslose Rohstoff- und Investitionsquelle zu
machen.

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben der Welt eine Lektion
erteilt. Wenn es um ihre wirtschaftlichen Interessen geht, sind weder
Völkerrechte noch Menschenrechte noch die Genfer Konvention noch das
Weltkulturerbe von Bedeutung. Es zählen einzig und allein der
kommerzielle Nutzen und blinde Gefolgschaft, zwei Faktoren, die einmal
auch den Vereinigten Staaten und Großbritannien als größte
Weltbedrohungen vorgekommen sind.

Wir, die Unterzeichneten, rufen unsere Regierungen dazu auf, sich in
allen internationalen Gremien für alle Maßnahmen einzusetzen, die von
Experten gefordert werden, um die nicht zerstörten Bestände wieder an
ihre ursprünglichen Orte zu brin

Ausgelöschte Weltkulturgeschichte - 11 österreichische Künstlerverbände
und Kultureinrichtungen und ihre Sprecherinnen und Sprecher rufen auf:
Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Das Wort Hans Magnus Enzensbergers von der "triumphalen Freude" in seiner
"Nachschrift zum Irak-Krieg" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über
den Verlauf und das militärische Ergebnis des Krieges gegen den Irak kann
nicht als kulturell-intellektuelle Schlußbemerkung stehen bleiben. Schon
gar nicht, wenn die Nachgeschichte dieser "triumphalen Freude" sich nicht
auf die Zerstörung der Symbole der Diktatur Saddam Husseins beschränkt,
sondern sich auf die Auslöschung einer Jahrtausende alten, mit Europa eng
verbundenen Kulturgeschichte mit ausgeraubten und brennenden Bibliotheken
und leergeräumten und verwüsteten Museen erstreckt.

1 Kommentar:

  1. gen, die Ausgrabungsstätten zu schützen <br>1. Januar 1970 um 01:59

    und zerstörte Objekte, soweit das noch möglich ist, wiederherzustellen,

    sowie jede andere Maßnahme zu ergreifen, die von Experten als geeignet

    zum Erreichen dieser Ziele erachtet wird.



    Wir fordern die Regierungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens

    dazu auf, alles zur Wiederherstellung und Rückstellung der geraubten

    Kunstschätze beizutragen, was durch internationale Gremien von ihnen

    verlangt wird. Und wir fordern die Regierungen der Vereinigten Staaten

    und Großbritanniens insbesondere dazu auf, ernst zu machen mit ihren

    angeblichen Kriegszielen und alles für eine demokratische, friedliche,

    selbständige Entwicklung im Irak zu tun, wozu ebenso die Versorgung mit

    Lebensmitteln wie die medizinische Versorgung als auch die Erhaltung und

    Wiedererrichtung der gesamten zivilen und kulturellen Infrastruktur

    gehören.



    Der Wiederaufbau eines irakischen militärischen Apparats durch die

    Siegermächte, wie das auch schon angeklungen ist, zählt ganz sicherlich

    nicht zu diesen Aufgaben, sondern dient allenfalls dazu, den Krieg als

    inner-irakischen Krieg weiterzuführen.



    Initiiert/unterstützt von:



    Gerhard Ruiss, Autor, Geschäftsführer der IG Autorinnen

    Autoren/Literaturhaus, Wien

    Martin Wassermair, Vorsitzender konsortium.Netz.kultur, Wien

    Maria Anna Kollmann, Dachverband der Filmschaffenden, Wien

    Peter Paul Skrepek, Musiker, Musikergilde, Wien

    Werner Richter, literarischer Übersetzer, Präsident der

    Übersetzergemeinschaft/Literaturhaus, Wien, Gerasdorf/Niederösterreich

    Barbara Neuwirth, Schriftstellerin, Wien

    Gabi Gerbasits, Kulturarbeiterin, IG Kultur Österreich, Wien

    Silvia Treudl, Autorin, Leiterin des Unabhängigen Literaturhauses

    Niederösterreich - ULNÖ, Wien-Krems/Niederösterreich

    Walter Kindler, o.Univ.-Prof., Filmakademie Wien

    Juliane Alton, Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit, Wien

    Jörg Stelling, Voice, Wien Manfred Chobot, Autor, Wien

    Helmut Peissl, Verband Freier Radios, Klagenfurt/Kärnten

    Heinz Lunzer, Literaturwissenschaftler, Geschäftsführer der

    Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur/Literaturhaus,

    Wien

    Gerald Ganglbauer, Drei Tueren zu Kunst und Literatur, Graz-Wien-Sydney

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