Freitag, 13. Juni 2003

Fragen/über/Fragen

1. die Frage, ob nicht ein zunächst handschriftlich erstellter Text zu einer größeren sprachlichen Qualität hinführt, als ein direkt in den PC eingegebener? Und zwar, weil handschriftliche Langsamkeit kritischer mit Sprache umgeht als die Hochgeschwindigkeitseingabe in den PC? Nicht zu vergessen die sinnliche Erfahrung des Hand-Schriftlichen!
2. Bewirkt handschriftlich Erstelltes also größere Sorgfalt?
3. Verführt das Erstellen eines Textes (Roman, Erzählung etc.) mittels PC nicht zunächst zur Sorglosigkeit / Nachlässigkeit, weil man ja schnell alles wieder löschen / umstellen / korrigieren kann?
4. Wird die Entwicklung eines Textes mittels PC nicht unsichtbar gemacht? Vielleicht sind vorhergegangene Arbeitsstufen ja doch die besseren gewesen?
5. Ist die sprachliche (und inhaltliche) Qualität der deutschen Literatur durch die immer häufigere Verwendung von PC + Textverarbeitung gesunken?
6. Sind aus Schriftstellern Autoren geworden?
7. Was ist der Unterschied zwischen Schriftsteller und Autor?

Fragen / über /Fragen
Günther Grass, unser derzeit einziger deutsche Großschriftsteller, hält nichts von Computer und Internet. Er schreibe seine Texte nach wie vor mit der Hand und tippe sie anschließend im Vierfingersystem auf einer alten Schreibmaschine ins Reine. Warum man wegen solcher Arbeitsweise gegen Computer und Internet sein muß, scheint zunächst nicht ganz klar zu sein, wirft aber - wie ich meine - ein paar interessante, diskussionswürdige Fragen auf, nämlich ...:

Kommentare:

  1. Martin von Arndt16. Juni 2003 um 12:50

    Eine ganze Menge wirklich interessanter Fragen. Schade nur, daß dies nicht der rechte Ort für eine Diskussion zu sein scheint.

    Oder aber ich werfe einfach mal einige real existierende eigene Meinungen in den Raum und hoffe, daß etwas passiert.



    1. Ich habe vor ca. zwei Jahren damit begonnen, meine Texte direkt am PC zu erstellen, was mir bis dahin, einer Art Hemmschwelle wegen, nicht möglich war. Am Anfang habe ich tatsächlich den Fehler gemacht, keine Dokumentation der Veränderungen eines Texts zu erstellen. Da ich das im Laufe der Zeit als Schwachpunkt entlarvt habe, bin ich mittlerweile dazu übergegangen, einzelne Arbeitsschritte als Veränderungen in Word dokumentieren zu lassen. Das vernichtet damit keinerlei Zwischenresultate.



    2. Diese ganze Arbeit entbindet nicht von Textausdrucken. Wenn ich einen Text sinnvoll Korrektur lesen möchte, muß ich ihn ausdrucken, die "Fehler-Übersehensquote" ist am Bilschirm entschieden zu hoch, das haben auch entsprechende Tests gezeigt.



    3. Wer meine Handschrift kennt, ist mit mir der Ansicht, daß die Tatsache, nun direkt am PC zu arbeiten, mir viel Ärger erspart hat. Ich hatte früher sehr oft das Problem, daß ich Handgeschriebenes schon nach wenigen Tagen kaum mehr habe entziffern können, und so ist die eine oder andere für mich wichtige Formulierung verloren gegangen.



    4. Auswirkungen auf die Qualität habe ich noch nicht beobachten können. Man könnte auch selbstmitleidig sagen: wo nichts ist, kann es auch keine Qualitätseinbußen geben.



    5. Tatsächlich häufen sich allerdings die computerthematisierenden Kurzgeschichten. Vielleicht eine Art microsoftige Gehirnwäsche?

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  2. Ob unsere Vorfahren wohl seinerzeit ähnliche Bedenken hatten, als sie die Gänse- durch die Stahlfeder und diese später wieder durch den Kolbenfüller ersetzten und den später durch Patronenfüller und Kugelschreiber?

    Die Antwort in 4. von Martin kann ich da nur unterstreichen - denke im Übrigen, soll doch jede/r nach ihrer/seiner Fasson und Temperament selig werden ...

    Die Fragen in 6 und 7 von HZ sind doch wohl nicht ernst gemeint, oder doch?

    Wer schreibt, der schreibt, der schreibt ...

    Diese feinsinnigen Unterschiede zwischen Autor und Schriftsteller geben m.E. demselben Dünkel nach wie bei dem Unterschied zwischen E- und U-Kunst. Hier gilt für mich in Weiterung zu 4. von Martin: Autoren oder Schriftsteller können schreiben oder eben nicht - unter welchen Bedingungen auch immer.

    Interessant wäre dann vielleicht noch die Frage: Werden eher die Werke von Schriftstellern oder Autoren gelesen ,-)

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  3. Lieber Hans Zeng_e_ler

    Die Entwicklung eines Textes muss nicht, nur weil er mit dem PC geschrieben worden, unsichtbar werden oder sein. Du kannst deine Worte, Wortfolgen auch mit dem PC streichen, zwischen die Zeilen schreiben, das bereits Geschriebene unkenntlich machen - so dass es jeder sehen kann. Aber natürlich ist da eine Handschrift, die an sich schon eine schwer zu dechiffrierende ist, viel besser dran, weil der Leser dann nicht daran herumstudieren muss, was der Grass mit dem gemeint habe, was er geschrieben hat, sondern an der Frage kauen muss: was heisst das, was der da gekritzelt hat. Und das, lieber Hans, macht den Schreiber zum Geheimnisumwitterten und das Geschriebene zum Mysterium. Je grösser der Mysterium desto weiser der Schreiber. Oder so :-)

    re

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  4. Tja, liebe Regula und Martin, es ist mir bekannt, daß man Änderungen von Texten (mit word) sichtbar machen kann, wenngleich ich das noch nie probiert habe, weil ich von meinem Text, wenn ich ihn dann schon gewissermaßen in den PC (distanzmäßig) entfernt habe, Übersichtlichkeit erwarte. Mir ging es hauptsächlich darum, herauszufinden, ob die Direkteingabe in den PC zu so genannten Hochgeschwindigkeitstexten verführt, die ja sehr beliebt sind, weil heutzutage Geschwindigkeit überhaupt ein Thema ist (Lola rennt nicht nur im Film) und manche Texte so stark hyperventilieren, daß sie einen Kollaps erleiden und Schreiben hat ja auch was mit Atmen zu tun, nicht wahr. Das Handschriftliche mag zum Mysterium werden, gewiß. Oder eben zum Kunstwerk, zu einer eigenen Kunstform, die man übrigens in Marbach (Museum) besichtigen kann. Ein handschriftlich ausgestelltes Gedicht von Hölderlin mit Randbemerkungen dürfte doch allemal interessanter sein als ein ausgedruckter Text, von Word-Technologie umrahmt.

    Übrigens: ein Schriftsteller ist jemand, der sich schreibend verändert. Ein Autor?

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  5. Tja, lieber Hans Zengeler, der Autor _nähert_ sich beim Schreiben mit Word oder ohne auf dem PC oder halt per Handschrift immer mehr sich selbst; er verändert sich nicht.

    Und wenn der Autor zum Schriftsteller wird, wenn er das verzwickte Seelenleben mehrere Personen ist / sein muss, tritt er aus sich heraus, wird zum Joggeli, zum stechenden Messer, dem gezielten Schuss. Aber ändern tut er sich deswegen nicht; er bleibt sich selber treu.

    Regula

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  6. Dem, sehr verehrte Regula, kann ich nur bedingt zustimmen. Der Schriftsteller macht schreibend Annäherungen an sich selbst: gewiß. Was tut er? Er schreibt meinetwegen einen Roman. Es ist immer ein Wagnis. Wenn er seine Arbeit abgeschlossen hat und er dann immer noch derselbe ist, also aus seiner Arbeit nichts gelernt, keine Erfahrung gemacht hat, dann würde ich von einem mißlungenen Roman sprechen.

    Gruß Hans Hermann

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  7. Wo haben Sie nur diese Definition des Gegensatzes von Schriftsteller und Autor her? Auch Sie, Regula: Kann ein Autor etwa keinen Roman mit mehreren "Seelenleben" schreiben???

    Der Autor ist wie der Schriftsteller "Urheber" eines Textes - nicht mehr und nicht weniger. Einen Text zu verfassen oder in Verfassung zu bringen ist m.E. immer ein wechselhafter Prozess, der einem selbst auf die Spur zu helfen vermag. (Ob das dann auch andere interessiert, hängt allein von der Qualität dieses Nachaußenkehrens ab. Und ich bin für das Recht auf Versuch und Irrtum ohne gleich das Fallbeil von wegen "misslungen" zu schwingen - manchmal dauert es auch seine Zeit, bis man selbst etwas Neues im eigenen Text entdeckt.)



    Noch zu PC versus Handschrift: Ich habe an meiner letzten Novelle gut 10 Jahre gesessen - am PC! Es gab und gibt Andere, die "hauen" einen 500 Seiten Roman handschriftlich in 2 Monaten "runter". So what?



    Unbestritten gibt es eine Ästhetik von Autographen die insbesondere Sammler das Herz höher schlagen lässt - aber doch nur, wenn dieses Objekt einem sie interessierenden, mithin erfolgreichen weil "gut" schreibenden Autor zugeordnet wird ...

    Von daher meine ich: Weniger an die Nachwelt denken, als sich jetzt optimale Bedingungen für sein schriftstellerisches Anliegen suchen. Letztlich kann Ihnen, Hans Zengeler, keiner die Entscheidung abnehmen, es mal so und anders und womöglich auch abwechselnd auszuprobieren. Unser aller Günter Grass wechselt sogar zuweilen zwischen Schreiben, Bildhauerei und Malerei, schreibt malend, zeichnend und auf der Maschine.

    Jede Technik hat ihre Vor- und Nachteile. Mag manchen das Handschriftliche produktiv verlangsamen, bietet der von Anfang an formatierte Text ein dem Buch ähnlicheres "Schriftbild" und erlaubt so eine schnellere Sicht auf Proportionen, Tempi usw..

    Eine goldene Regel vermag ich daraus nicht abzuleiten.

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  8. Sehr geehrter Hans Zengeler, bei nochmaligem Lesen Ihrer Ausgangsfragen muss ich zugeben, offenbar nicht genügend auf die Zwischentöne geachtet zu haben.

    Letztere Bemerkung zu Schriftsteller/Autor kann ich unterschreiben. Allerdings sind wir da schon im Grenzbereich sich selbst bezeichnender Tautologien. Wie wäre es mit folgender Variante: In Ihre letzten beiden Sätze "Mensch" anstelle von "Schriftsteller" gesetzt, dann stimmt's zuweilen auch ... ,-)

    Herzliche Grüße

    UK

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  9. Sehr geehrter Ulrich Karger, ich glaube da gibt es ein Mißverständnis: indem es mir letzlich ziemlich egal ist, ob einer zuerst handschriftlich, maschinentypisch, mit oder ohne word seine Texte schreibt. Ich habe da keine Entscheidungsprobleme.

    Was nun den Unterschied Schriftsteller/ Autor betrifft, so würde ich das so arg ernst nicht nehmen. Es ist, sagen wir mal, eine Definitionsspielerei auf bedenkenswertem Untergrund. So sage ich: Es gibt hervorragende Schriftsteller, die in ihrem Leben noch kein Buch geschrieben / publiziert haben. Oder ich sage: Schriftsteller ist man immer, Autor nur gelegentlich.

    In diesem Sinne

    herzliche Grüße

    HZ

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