Donnerstag, 20. Februar 2003

Hans-Jürgen Heise: Gedichte und Prosagedichte 1949 – 2001

Schlicht und final wie Inschriften auf Grabplatten wirkt die Aufmachung des neuen Bands. Doch wird es noch nicht die letzte Station, sondern eine der letzten Vorstufen des einen einzigen Gedichtbands sein, auf den das poetische Programm des Gryphius-Preisträgers und autodidaktischen poeta doctus Heise zielt. Anders als bisher sind keine poetologischen Aufsätze und keine Selbstdarstellungen beigegeben, nicht einmal ein Vorwort. Aber die Gedichte erzählen ja das Leben ihres Autors. Oft sind es einfach nur Graffiti anfliegender Gedanken, meist jedoch bilderreiche, überaus verspielte Notate der Blicke, Erfahrungen und des Erinnerns. Vermutlich kein Ort, kaum ein Ereignis, dem Heise nicht Zeilen setzen würde – fabulierlustige, manchmal auch krittelnde existentielle Gesten: Ich war hier, also bin ich. Die Einfälle fliegen ihm aus den Innen- und Außenwelten überall zu, wie seine Frau, die Lyrikerin Annemarie Zornack, in einem Rundfunkstatement bezeugt hat. Er ist ein Dichter der schnellen Notate, der lyrischen Sofortreaktionen. Es sind die spontanen Erregungen, deren Kurven die Gedichte in Heises Tage einschreiben. Das Gedichteschreiben als Beleg der eigenen Existenz, sowie als Rapport an die Welt. Niemand könnte es lakonischer sagen als Heise selbst, wenn er sich als Poet in einem früheren Vorwort jenem schlichten Soldaten an die Seite stellt, „der, wo immer ihn die Army absetzte, an die Toilettenwände kritzelte: Kilroy was here...“
Erstaunlich ist beim Blättern in den 440 Seiten, wie sich die Gedichte in ihrer Architektur und auch in der poetischen Methode über fünfzig Jahre hin gleichen, als wäre seine Sprache immun geblieben gegen zeitbedingte Entwicklungen. Und gewiß ist diesem Schriftsteller, der sich sein Handwerkszeug in unermüdlicher, passionierter Lektüre eigenständig erarbeitet hat, eine Unbeirrbarkeit gegenüber stilistischen Launen des Literaturbetriebs wesentlich eigen. Gleichwohl wäre Heise nicht Heise, wenn er nicht den Puls der Zeit in seine Lyrik bringen wollte, indem er gewisse Zeiterscheinungen gelegentlich benennt. Nicht selten geht er noch weiter und kontaminiert seine Zeilen mit aufgefangenen Geredepartikeln, Modebegriffen und Anglizismen: „Das Dasein als HappyHour / musikunterlegt // Echtzeit ist Langeweile / plus geklontes Glück“.
Der insgesamt weitgehend konstanten Fortschreibung lyrischer Gestaltungsweisen gemäß, ist die Gedichtesammlung nicht chronologisch, sondern nach den für das Schreiben wesentlichen Erfahrungsräumen gegliedert. Das erste und längste Kapitel, betitelt mit „Ein einsames Match“, geht mitten ins tägliche Leben nach Kiel, zu Heises Lebensort, zum Büroalltag des Brotberufs, zum Lesen und Schaffen. Das zweite, „Gozelquelle“, führt in die Kindheit nach Pommern, während das dritte, „Länder wie Kofferaufkleber“, den Reiseschriftsteller Heise zeigt. Nur das vierte ist ein formales Kapitel und enthält eine Auswahl der Prosagedichte, die bei Heise schon immer einen separaten Spielraum surreal instrumentierter Phantasie bieten.
Vor allem die Kindheitsorte als Primärräume der Erfahrung wirken nachhaltig in das Schreiben hinein, kolorieren sie doch alle späteren Orte und Empfindungen mit. Für Heises Lyrik war die pommersche Landschaft initiierend, die vorenthaltende Kleinstadt Bublitz in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der frühe Mutterverlust mit den folgenden weitgedehnten Einsamkeiten. Viele seiner Gedichte erzählen und verwandeln diese Erlebnisse eines sich selbst und seinen Wahrnehmungen überlassenen Kindes. Man kann an ihnen schlichtweg ablesen, wie sich die Handhabung der Phantasie bei dem Lyriker Heise herausgebildet hat. Sehr deutlich zeigen es die rückblickenden Zeilen
aus dem Jahr 1975: „Der Wind kam den Pfad entlang / weiter war nichts // Ich hatte ein kleines Feuer / unter den Händen: eine Glasscherbe / voll Sonnenschein / damit spiegelte ich / den Spatzen / Papageienfedern zu“.
Das große Thema Tod und Alleinsein, hier metaphorisch als Scherben, ist durchaus gegenwärtig geblieben. Immer wieder scheint es in Spiegelmetaphern oder im Spiel mit der eigenen Abwesenheit

Kilroy was here oder Die Erregungskurve Gedicht
Eine Rezension über:
Hans-Jürgen Heise, „Gedichte und Prosagedichte 1949 – 2001“. Wallstein Verlag 2002, 440 Seiten, 34 Euro.
von Carmen Kotarski, mit Genehmigung der Autorin
Es sind immer diese dicken Bücher, wenn von Hans-Jürgen Heise etwas Neues herauskommt. Ein schmaler, der sprachlichen Dichte guter Lyrik entsprechender Gedichtband, das wird lange her sein. Man mag es bedauern, kann es aber begreifen, wenn man von einer Eigenheit dieses Autors weiß: Daß seine neuen Gedichte im Sog der bisher geschriebenen stehen. Und umgekehrt: Neue Gedichte saugen das gesamte lyrische Werk an sich heran, mischen sich unter das Alte, stoßen eine Umgruppierung sämtlicher Texte an, um einen nachgewachsenen lyrischen Gesamtorganismus zu bilden. Die Jahreszahlen hinter den rund 370 Titeln im Inhaltsverzeichnis weisen aus, daß Heise noch nach Jahren und oft über Jahrzehnte hin Gedichte überarbeitet. Nicht alle tauchen in jedem Sammelband auf, und manche werden geopfert, wenn andere zu ähnlich, aber besser sind: die Wartestellen des Evolutionären.

Kommentare:

  1. auf und sogar recht häufig im Bild des Winds. Wobei der Wind in sich schon die Umkehr enthält: das Beleben. Hier, von diesen windigen Umschlagstellen, geht wohl der für Heise so charakteristische poetische Dreh aus, die Verhältnisse zwischen sich und den Gegenständen umzukehren. Lustvoll unterstellt er ihnen Eigenwillen und Handlungen, projiziert auf sie Blicke und Befindlichkeiten: ein lyrisches Figurentheater, in dem die Dinge seine mentalen Spielsachen sind.<br>1. Januar 1970 um 01:59

    Das vielbereiste Spanien, dem Heise einen großen Teil seiner essayistischen Arbeit gewidmet hat, ist auch in den Gedichten des Reiseabschnitts am meisten präsent, als Gegenheimat und mit einigen Repliken auf Lorca. Aber mehr noch als Lorca wird der Metaphernreichtum des älteren Gongora den jungen Lyriker Heise beeinflußt haben, für den die spanische und französische Poesie des frühen und mittleren zwanzigsten Jahrhunderts gewiß eine Mentorenfunktion erfüllt hat. Es wären noch Einzelne dazu zu zählen, etwa der frühe imagistische Ezra Pound. Aus dieser Schule kommend, vertritt Heise das Primat des Visuellen und den freien Vers. Jedoch fällt die von Pound beschriebene Kunst, die Verse mit Spannung aufzuladen, bei Heise weit hinter seine Bildergabe zurück. Genaugenommen sind es meist keine Verse, ist es in Zeilen gebrochene Prosa. Und oft ergibt dieses Unterbrechen der Sätze keinen weiteren poetischen Gewinn.

    Es ist gewiß kaum möglich, der überbordenden Fülle von Szenerien, literarischen Bezügen und sinnlichen Details, den kalauernden Witzigkeiten, epigrammatischen Pointierungen und sokratischen Sticheleien in der Kürze einer Rezension gerecht zu werden. Oder doch am ehesten durch das Hervorheben der ganz konzentrierten, manchmal fast durchsichtig klaren Textstücke, die aus der Vielzahl auftauchen. Die fein geschliffenen Beobachtungen an Wahrnehmungsschnittstellen, wie etwa hier: „Ein Tennisspieler greift / einen Glockenton aus der Luft“, oder „Winter / Trichter / der sich in den März hinein / verjüngt“. Vielleicht wird ja doch noch ein schmälerer Gedichtband folgen, in dem sich Heise auf solche Stärken kapriziert.

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  2. Die Brücke



    Das unermesslich düstere, fremde Kind,

    ausgehungert, verdurstend,

    sucht forschend auf einer Brücke,

    ein Weg tut sich auf.



    Eine Menschenmenge,

    sich versteckend hinter dem Danach,

    mit Gedanken ohne Verzeihung,

    verflochten die einen mit den andern,

    will vorbeigehen....

    vor der Sonne....



    Als sie den Sturz sieht,

    von der Höhe der Brücke,

    verwandelt sich die Loslösung

    des unermesslich düstern, fremden Kindes

    in Hoffnung.



    Üzeyir Lokman ÇAYCI

    Von übersetzt seiend : Monika SCHUDEL



    A été publié dans :

    Veröffentlicht worden ist in :



    1) 20.01.1978 KELEBEK GAZETESÝ (TURQUIE)

    2) 31.05.1978 YENÝ BOR GAZETESÝ (TURQUIE)

    3) 00.03.2000 JALONS (FRANCE)

    4) 00.08.2000 MARTOBRE (FRANCE)

    5) 00.00.2001 UM MUNDO NO CORAÇÃO

    UN MONDE AU CŒUR (PORTUGAL)

    6) 00.12.2001 DERGIBI

    7) 00.06.2003 DIE BRUCKE - 128 N°2 (GERMANY)

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  3. Die Brücke



    Das unermesslich düstere, fremde Kind,

    ausgehungert, verdurstend,

    sucht forschend auf einer Brücke,

    ein Weg tut sich auf.



    Eine Menschenmenge,

    sich versteckend hinter dem Danach,

    mit Gedanken ohne Verzeihung,

    verflochten die einen mit den andern,

    will vorbeigehen....

    vor der Sonne....



    Als sie den Sturz sieht,

    von der Höhe der Brücke,

    verwandelt sich die Loslösung

    des unermesslich düstern, fremden Kindes

    in Hoffnung.

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  4. Die Brücke



    Das unermesslich düstere, fremde Kind,

    ausgehungert, verdurstend,

    sucht forschend auf einer Brücke,

    ein Weg tut sich auf.



    Eine Menschenmenge,

    sich versteckend hinter dem Danach,

    mit Gedanken ohne Verzeihung,

    verflochten die einen mit den andern,

    will vorbeigehen....

    vor der Sonne....



    Als sie den Sturz sieht,

    von der Höhe der Brücke,

    verwandelt sich die Loslösung

    des unermesslich düstern, fremden Kindes

    in Hoffnung.

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