Montag, 11. Oktober 2004

Literatur aufräumen / Teil 1: Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther

Die Aufräum-Methode

Microsoft Word 2002, AutoZusammenfassen. Word sucht die „Themenschwerpunkte“ des Dokuments und erstellt, unter Beibehaltung von „shape’n structure“, ein komprimiertes Rumpfdokument von maximal 1% Länge des Originaltexts, der in unserem heutigen Fall – Goethes Werther – etwa 100 A4-Normseiten mißt.

Das für heutige Schülergenerationen kaum lesbare, bodenlos lange, -weilige, -wierige und -wuschige Originaldokument wurde dabei zitiert nach: Digitale Bibliothek Band 1, Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka. Leider war literaturwissenschaftlich nicht exakt zu eruieren, welcher Ausgabe man dort gefolgt ist. Nach Prüfung der wichtigsten Textstellen befand Dr. phil. habil. Ioan Radulescu, daß es sich im Zweifelsfall wohl um die Edition Letzter Hand, besorgt von Carl Theodor Musculus, Stuttgart 1835, handeln müsse.

Der größte Vorteil der Methode besteht in ihrer Nachprüfbarkeit: angesichts von Lessings Nathan der Weise als Probetext konnten wir das Werkzeug AutoZusammenfassen ressourcenschonend unter gesteigerten Schwierigkeitsgraden testen. Bei wechselnden Betriebssystemen (Windows XP, 2000, 98, 95), Lichtintensitäten (totale Verdunkelung des Raums / Laptop auf freiem Feld am Oberrheingraben), unter starken Temperaturschwankungen (große südfranzösische Sommerhitze / lausiger irischer Herbstregen) unter Einfluß von legalen und weniger legalen Drogen (Berentsen Apfelkorn / gereinigte Politur): der aufgeräumte Text war der immerselbe, war die Quintessenz, war das Elixier, gleichsam die hohe, die höchste und reinste Potenz des Originals.

Wir danken bei dieser Gelegenheit der Firma Microsoft für die probehalber zur literarischen Komprimierung überlassene Ausgabe der Office-Suite 2002, sowie dem Gemeinderat des Markts Carndonagh, County Donegal, für die großzügige finanzielle Unterstützung des Projekts Literatur aufräumen.

Martin von Arndt,
Ioan Radulescu,
Kate Harris
im Oktober 2004



Aus urheberrechtlichen Gründen ist das aufgeräumte Dokument derzeit leider nur hier einzusehen.

In den nächsten Folgen von Literatur aufräumen:

Franz Kafka: Der Prozeß (aufgeräumte Version)
Thomas Mann: Der Zauberberg (aufgeräumte Version)

Literatur aufräumen
Teil 1: Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther
Die Idee
Kein Mensch braucht Literatur. Zumindest braucht kein Mensch Literatur, die nicht aufgeräumt ist. Literatur hat, ihrer Verfasser wegen, jedoch die Tendenz, nicht aufgeräumt zu sein. Zumindest ebenso wenig aufgeräumt wie ihre Verfasser.
Angesichts eines hart umkämpften Freizeitmanagementmarkts und eingedenk der Tatsache, daß das Land der Dichter und Denker einer nachhaltigen kulturellen Verblödung entgegengeht, die nicht oder nur randständig mit den einschlägigen, deutschlandweit ins Leitungswasser verklappten Demenzmitteln erklärbar ist, haben wir seit Jahren keine Kosten und Mühen gescheut, um die wichtigsten Werke der Weltliteratur nun endlich in eine lesbare, kräfte- wie substanzschonende, jedoch v.a. platzsparende Form zu bringen.
Wir fühlten uns hierbei ganz dem Wehrli-Prinzip verpflichtet. Der Schweizer Typograph Ursus Wehrli ist seit Jahren in seinem großen Projekt „Kunst aufräumen“ damit beschäftigt, Kunst übersichtlich und kostengünstig zu gestalten. Die Methode zeitigt bereits einen erstaunlichen Erfolg: Wehrli hat es geschafft, Kunst auf das zurückzuführen, was sie immer war und eigentlich ist – ein Setzkasten von Farben, Formen, Längen und Größen.
Was indessen in der Bildenden Kunst zu leisten ist: sollte es nicht auch in der Literatur, der edelsten aller Künste, zu machen sein? In der Tat. Nach aufwendiger Suche nach der rechten Aufräum-Methode haben wir uns vor wenigen Monaten für eines der auf dem Markt am leichtesten erhältlichen und zugleich effektivsten Komprimierungsmittel entschieden: die Microsoft Office-Suite.

Kommentare:

  1. Ja, genau! So muß es sein. Klassiker komprimiert und aufgeräumt. Aber warum nicht die gesamte Weltliteratur in einen einzigen Satz pressen? In einen einzigen wahren Satz! Das wäre doch die größte literarische Leistung überhaupt. Und höchstes Ziel schlechthin. James Joyce machte es vor: Einen ganzen Tag lang dachte er nach. Worüber? Er suche ein Wort, sagte er. Welches Wort? The, antwortete er, nachdem es gefunden war. Könnte am Ende das die gesamte Weltliteratur ausdrücken? The?. The!

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  2. Andernorts unterstellte man der Aktion, sie sei "penetrant besserwisserisch" und "die Beckemesserei (sic) wird allzu peinlich deutlich, die dahinter zu mutmaßende große Tat geht verschütt." Ich bin froh, daß der Litblog über LeserInnen verfügt, die die dahinter lauernde große Tat (!), ja, noch größere Tat recht zu würdigen wissen.



    So wolln wir sein ein einig Volk von The-Theern.

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  3. So wird es kommen: "The" als Höhe- und Endpunkt der Weltliteratur, während die Bildende Kunst auf den Punkt zustrebt, auf einen kleinen Punkt auf einer mindestens 10 X 20 m großen Leinwand. Davor werden wir stehen und eine Menge Fragen haben (an uns, an den Künstler, an die Welt).

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