Donnerstag, 3. Juni 2004

Wilhelm Genazino erhält Büchner-Preis

So ungefähr verlief mein Leben in den ersten Jahren. Meine Mutter schien mit dieser Ordnung einverstanden zu sein, was jedoch ein Irrtum war. Denn bald beendete ausgerechnet sie mein friedliches Leben bei ihr zu Hause und steckte mich in einen Kindergarten. Plötzlich waren sechsundzwanzig fremde Kinder um mich herum, die ich nie habe kennenlernen wollen. Zum ersten Mal gab es etwas, was ich nicht verstand. Das heißt, ich brachte es nicht in Übereinstimmung mit dem, was ich vom Leben und von meiner Mutter bis dahin verstanden zu haben glaubte. Ich brach diesen Versuch des Verstehens ab und suchte nach einem anderen Anfang, der besser zu dem bereits Verstandenen paßte. Auf diese Weise entstand die Vorstellung, daß ich von fast allem, was geschieht, immer nur dessen Anfang begreife. Bald war ich in viele, sich übereinanderschichtende Verstehensanfänge verstrickt, von denen ich nicht mehr sagen konnte, was sie mir eigentlich hatten erklären sollen. Bis heute breche ich das Verstehen ab, beziehungsweise ich gerate in eine Stimmung des kindlichen Wartens, wenn die Kompliziertheit überhandnimmt und ich auf einen neuen Anfang des Begreifens angewiesen bin. Das Problem dabei ist die riesige Menge des nur anfänglich Verstandenen, das sich in meinem Geist anhäuft.

(Aus: Ein Regenschirm für diesen Tag)


Wilhelm Genazino erhält Büchner-Preis
Unglück ist langweilig. (Wilhelm Genazino)
Von hier aus einen herzlichen Glückwunsch an unseren baden-württembergischen Kollegen Wilhelm Genazino zur Verleihung des Büchner-Preises. Endlich hat den mal jemand bekommen, der ihn so richtig von Grund auf verdient hat.
Für mich gehört Genazino zu den besten deutschen "Epikern" der letzten 50 Jahre, und daß er bisher eher im Schatten der deutschsprachigen Romanwelten gestanden ist, war für mich immer ein Grund zum Ärgern.
Genazino ist ein Meister der Prosa. Er beherrscht seine Klaviatur als melancholischer "Lyriker" ebenso wie als humoristischer Nörgler. Statt der allenthalben empfohlenen Abschaffel-Trilogie, mit der er in den 70ern erstmals literarischen Ruhm erntete, tendiere ich eher zur Erstlektüre von "Ein Regenschirm für diesen Tag": Für mich eines der schlechthinnigen Top10 Bücher dieses jungen Jahrhunderts.

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