Dienstag, 30. März 2004

Rezension: Rudolf Stirn: Telefongespräche mit Mapulski

Formal bricht Stirn in seinen 77 kurzen Geschichten mit der Tradition der Short story ebenso wie mit der der Novelle oder der klassischen europäischen Erzählung. Um Vergleichswerte zu finden, mußte ich in der japanischen Literatur suchen. Dort würde man sie liebevoll „Handtellergeschichten” nennen: Romane in nuce, die auf die Größe eines Handtellers komprimiert werden, und einige der großartigen Stücke aus dem Stirnschen Kabinett ließen mich auch unweigerlich an die besten ihrer Zunft denken, die ,Handtellergeschichten' des Nobelpreisträgers von 1968, Yasunari Kawabata. Die Tendenz der im Schnitt ein bis anderthalb Seiten langen Texte zu beschreiben, gelingt mir wohl am besten mit einem Zitat. Es ist das Zitat eines Rezensenten über meinen eigenen Erzählungsband ,Der 40.Tag vor Sophienlund': "Die Tradition von, sprechen wir es ruhig einmal wieder aus: ,Poesie als Prophetie', - nahe einer Verschmelzung mit den Elementen des Lyrischen. Seine Arbeiten zeugen von einem heute ungewöhnlichen Mut zu - auch entlegenster - künstlerischer Intuition, ohne sur-realistisch zu sein." (Ioan Radulescu) "Er spürt einen Stoß. Das Dach, denkt er, sieht in die Wohnung hinein, sieht die Familie, sieht Suppe schöpfen. / Die Frau hat Falten am Mund, ein Zeichen von Sorge. Die Kinder blicken zum Suppentopf, achten, wieviel allen zugeteilt wird. Die Wände spielen Sonne." (Honig am Kirchturm) Der literarische Traditionsweg: non-linearer, non-realistischer Erzählduktus. Seinen Ausgang nimmt er in der schwarzen Romantik, führt über Symbolismus und Surrealismus in die Welt der großen einzelnen, die sich der literarischen Platitüde der achtziger und neunziger Jahre konsequent verweigerten. Den anekdotenhaften Aufzeichnungen eines Josef Winkler (,Leichnam, seine Familie belauernd') nicht unähnlich, schafft Stirn in und mit seinen Personen, die er nur mit Familiennamen versieht, um keine falsche Verwandtschaft und klebrige Nähe aufkommen zu lassen, seinen eigenen Kosmos. Er läßt sie agieren in der ihnen eigenen, ihnen allein gebührenden Stadt, läßt sie über belebte und unbelebte Plätze hetzen. Denn meist sind sie Gehetzte. Personen (aber keine Figuren!), die von sich und voneinander nichts wissen und nichts ahnen, nichts wissen und nichts ahnen können, die sich bisweilen schlafwandlerisch durch ein Etwas bewegen, das man übereingekommen ist, Leben zu nennen. Aber eben nicht schlafwandlerisch sicher. Sicherheit gibt es in diesem Kosmos ohnehin nicht. Sie ist eine Täuschung. Oder eine Irritation der Nerven. In diesen Städten, in denen die Geschichten spielen, auf diesen Plätzen, einem unbestimmten Überall, in dieser Zeit, in der sie handeln, einem unbestimmten Heute und zu aller Zeit. "Mit dreizehn wurde er von einem Gewürzhändler mißbraucht. Mit sechzehn erstieg er die Stadtmauer und sah sich in die Tiefe fliegen. Auf den Weiden seines Vaters, der ein Schafzüchter und Salbenhersteller war, aß er Gras und Blumen, um es den Tieren gleichzutun. Nachts saß er stundenlang auf den Bäumen und ahmte Tierschreie nach. / Eines Tages fand man ihn mit schaumbedecktem Mund im Gestrüpp. Sein Vater wickelte ihn in Schafpelze und flößte ihm einen Heiltrank ein. / Seine Mutter war mit einem Aufkäufer durchgegangen. Sie hatte rotbraunes Haar, das sie offen trug, und verachtete den Sohn. Schon in der Wiege stank er wie ein Schaf." (Eine Hirtengeschichte) Grandios ist Stirn immer dort, wo er mit wenigen Federstrichen eine Person skizziert, den Menschen in einer einzigen Geste zusammenfaßt, einer Bewegung der Gesichtsmuskeln oder der nervösen Linken, die mit den Fingerknöcheln unablässig über die Schläfen streicht. "Biller sitzt am Tisch. Seine Augen bleiben am scharfen Brieföffner hängen. Auf Treppen spürt er die Neigung, sich hinunterzuwerfen. An Wänden will er seinem Kopf Ruhe erstoßen. Am Steuer fliegen ihm die Gedanken vom Kurs ab. / Biller will sich aus den Augen kommen. Soll er diesen Irrsinn hinnehmen, Leben nennen?" (Ohne Augenbinde) Den Geschichten eignet eine überwältigende Tiefendimension. Eine tiefenseelische Dimension. Was andernorts in literarischen Kreisen zu Unrecht einfach nur als „Raunen” abgetan wird: hier ist es fester und unzertrennlicher Bestandteil der Personen geworden, der Plätze, der Zeit und der Handlungen; und wir nehmen diese Dimension hin als Bestandteil dieser fremden und uns doch wohlbekannten Welt. "Seligmann schaut die Schreibmaschine an. Sitzt da und betrachtet die Tasten. Stellt fest, wie beruhigend es ist, nachts eine Schreibmaschine einfach anzuschauen. / Oft kommt Seligmann jetzt der Gedanke, sich so lange in die Stille einzubohren, bis er drüben angelangt ist. Jenseits dieses Gedankens, sich durch etwas ganz durchbohren zu müssen." (Die Höhle) Doch diese Tiefendimension mag es auch sein, die das Buch, die die Geschichten dem allzu Arglosen verschließen wird. Stirn fordert seinen Leser. Fordert ihn auf. Dafür braucht er keine Bildungstrümmer. Er braucht auch keine abgehobene Kunstsprache à la Werner Schwab oder Josef Winkler. Die Forderung ist simpel. Sie lautet: Folge mir in diese Innen- und Außenräume der Seele, durch diese Aorten der Stoffe. Und mancher wird diesem Ruf wohl bedauerlicherweise nicht Folge leisten. Aus Faulheit, aus Feigheit, aus bloßer Angst vor dem, was Stirns erzählerische Leistung zu evozieren vermag. "Jeder Kragen war ehemals weiß. Und sind die Vögel verstummt, vielleicht hat sich der Garten ein Pflaster vors Maul geklebt. / Irgend jemand kann immer nichts dafür. Der Kragen wird umgeschlagen. Die Nachbarin streut Salz darauf. Sie sagt: Salz macht Pickel. Die Gerechtigkeit ist noch verpackt. Das macht es nicht leichter." (Salz macht Pickel) Wenn sich die sogenannte literarische Großindustrie einen Gefallen tun will, sollte sie sich Rudolf Stirn rechtzeitig „sichern”, bevor er sein Geschichtenkabinett zum zweiten Mal eröffnet. Womöglich wieder - an ihr vorbei. Rudolf Stirn: Ein Telefongespräch mit Mapulski Aus dem Geschichtenkabinett 1 Alkyon Verlag Weissach im Tal 2004 ISBN 3-933292-82-4

Rudolf Stirn: Telefongespräche mit Mapulski In seiner baden-württembergischen Heimat ist Rudolf Stirn längst kein Geheimtip mehr. Seit gut anderthalb Jahrzehnten hat er sich als Verleger, Übersetzer und Verfasser zahlreicher Bücher einen Namen gemacht. Daß nun ausgerechnet die „Telefongespräche mit Mapulski” endlich zu bundesweiter Anerkennung beitragen könnten, kann ich mir nicht vorstellen. Leider. Denn es läge gewiß nicht am Buch, sondern wie üblich an der Tatsache, daß Bücher, die in einem Kleinverlag erscheinen, unentwegt eine Stiefkindrolle in diesem Land spielen, egal welch hochwertigen Lesestoff der Autor verfertigt hat. Und um solchen handelt es sich hier: um hochwertigen und hochdestillierten Lesestoff.

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