Montag, 5. Mai 2003

Die Kinematisierung unserer Kultur

,,Kinematisiert", denn diese ganze Entwicklung begann mit dem Film, damit, daß irgendein Fettarsch in Hollywood irgendwann festgelegt hat, daß von diesem Tag X an nur noch Schauspieler und Regisseure, die Oberfläche also, die Filmkultur repräsentieren, und nicht mehr die Drehbuchschreiber. Drehbücher sind eben immer einfach da. Hinter den Kulissen. Kein Schwein interessiert sich für Drehbücher oder deren Autoren, auch wenn ohne sie die ganze, unendlich dumme Filmindustrie implodierte.
Seit einiger Zeit hat diese Entwicklung nun auch auf andere Kultursparten übergegriffen. DJs repräsentieren die Musikkultur. Galleristen sind Bildende Kunst, Regisseure das Theater. Weshalb muß ich mir als Dramatiker eigentlich den Tort antun, daß der Titel meines Stücks irgendwo rechtsbündig in 12pt-Schrift, der Name des Regisseurs und der der Bühne in zentrierter 24pt-Schrift genannt werden, mein eigener indes, der Name des Urhebers des ganzen Klamauks, ohne den dieser Popanz nicht leben könnte, ohne den der Regisseur mit seinem ganzen Ensemble dauerhaft nasepopelnd zwischen den Betonklötzen unserer Metropolen spazierengehen könnte, in dieser ganzen bekackten Sendung nirgendwo auftaucht? Was ist das für eine Gesellschaft, in der die zweite Geige, der Kärrner, der DJ, der Regisseur zum Star wird?

Ich warte auf den Tag, an dem uns in einem aspekte-Spezial die Handelsvertreter von Suhrkamp, S.Fischer, Ullstein und Rowohlt als die neuen Heroen der Literatur vorgestellt werden. Und der Börsenverein seinen bekloppten Friedenspreis an Herrn Schmitt verleiht, der seit 31 Jahren ganz Franken mit RowohltsRotationsRomanen ausstattet.

Die Kinematisierung unserer Kultur
Ich mußte mir gestern die 3sat-Theatersendung ,,Foyer" ansehen. Ich mußte.
Zunächst dachte ich noch: ,,Schön, daß es heute wieder Theatersendungen gibt." Dann dachte ich: ,,Schlimm genug, daß Theatersendungen heute von Esther Schweins moderiert werden." Obwohl die Schweins theatralisch-existentialistisches Schwarz aufgelegt hatte und äußerst kulturbourgeois daherkam.
Was für mich aber schlimmer war als die Schweins und der ekelhafte Gestank der Kulturbourgeoisie, das war die Einsicht, daß unsere Kultur zunehmend kinematisiert wird.

Kommentare:

  1. Lieber Martin von Arndt,

    treffend und trefflich, weil stimmig formuliert. Allerdings ist das nicht neu, erinnerte mich sofort an einen Termin beim Hessischen Rundfunk vor fast einem Jahrzehnt. Der leitende Hörspielredakteur hatte mich eingeladen, um mit mir meine neue Hörspielserie durchzugehen. Ich erwartete Gespräch, Diskussion; statt dessen saß ich eigentlich nur blöde und gesprächsstumm gemacht herum, zwischen all den Regisseuren, Dramaturgen, Redakteuren, die in meinen Texten herumstrichen und mir gegenüber eigentlich nur zum Ausdruck brachten, daß ich sowieso keine Ahnung hätte. Nach dieser ersten Erfahrung war ich noch einigermaßen wütend und beleidigt, später kam mir das eher satirisch vor und begriff mein (immerhin großzügig bemessenenes) Honorar als Schmerzensgeld. Was aber immer ärgerlich bleibt: Nach der Bearbeitung deiner (Hörspiel-, Drehbuch-) Manuskripte erkennst du deinen Text nicht mehr, weswegen es mitunter besser ist, wenn dein Name im Abspann (in der An-, Absage) schnell verschwindet. Fazit war, ist, wird wohl bleiben: der Autor hat im Kulturbetrieb die geringste Rolle; daher könnte es gut sein, er stellt zukünftig nur noch seinen Namen zur Verfügung (und vielleicht den ersten oder letzten Satz), den Rest machen dann die wahren "Genies" (die Redakteure, Regisseure, Dramaturgen).

    In diesem Sinne: heiteres Schaffen und herzliche Grüße

    HZ

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  2. Martin von Arndt5. Mai 2003 um 16:25

    Danke, natürlich hast Du recht. Alles, was ich mir wünschen würde, wäre mehr "künstlerische Bescheidenheit" von diesen (ausübenden) Geisteszwergen. Allen voran selbsternannten Theater-Regisseuren. Aber das ist natürlich ein kindischer Wunsch.

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  3. Kindisch ist dieser Wunsch mit Sicherheit nicht, eher im besten Sinne naiv. Es wäre schon viel gewonnen, wenn diese reproduzierenden bzw. bearbeitenden "Künstler" Respekt aufbrächten gegenüber dem, der ihnen immerhin zu ihrer Arbeit verhilft.

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