Donnerstag, 31. Mai 2012

Zum Thema "Vergiss das Elsass!"

Das Mark in den Knochen
Auch im Elsass gibt es literarische Fehden:
Eine Gegendarstellung zu Emma Guntz’ Beiträgen
in Land un Sproch Nr. 178 und Nr. 179
Von Philipp Beyer



Die Karlsruher Literaturzeitschrift Allmende, 1981 gegründet mit dem Anspruch, am Oberrhein das kulturelle Leben aufzumischen, widmete ihre Nr. 87 dem Elsass. Als Lothringer, das heißt als Klappbänkel-Elsässer fühlte ich mich angesprochen und sendete ein Prosagedicht ein. Mit dem Titel: „Vergiss das Elsass“.  Polemisch war das gemeint, Lothringen inklusive: Ein Text für die, die es noch nicht gemerkt haben, dass der Tod unserer Sprache diesseits des Rheins ein politischer ist, kein natürlicher. Einmal, dachte ich, muss man den Saukübel ja hinschmeißen.

Der Fraß schmeckte nicht jedem. Prompt kam die Antwort, eine böse Kritik, aus der erwarteten Ecke, nämlich der Monopol-Tageszeitung Dernières Nouvelles d’Alsace in Straßburg, unter dem Titel „Versuch einer Bestandsaufnahme“. Doch überraschenderweise „Emma Guntz“ signiert.  „Humorlos“, mein Zeug, „sprachlich unpräzise“, „ohne jede Doppelbödigkeit“ und „ohne Lächeln“! Angeranzt wurde nicht nur ich: Auch Ronald Euler, Isabelle Grussenmeyer, Albert Strickler u.a.m. kriegten auf den Deckel, aus welchen Motiven auch immer. Mein Text wurde am Ende der Rezension, als Krönung des Ganzen abgeschossen. Ein Privileg.

Richtig gemein, denn bei der Dernières Nouvelles d’Alsace (DNA) auf sein Recht auf eine Gegendarstellung zu hoffen, ist illusorisch, sofern man es statt französisch-blauweißrot lieber elsass-lothringisch-rotundweiß hat. Das schreibe ich hier ohne jede Doppelbödigkeit.

Sehr zufrieden mit ihrer Rezension jedenfalls ließ die forsche DNA-Publizistin wortgenau denselben „Versuch einer Bestandsaufnahme“ gleich wieder abdrucken, verständlicherweise in der darauffolgenden Nummer 88 der Allmende („Zur Diskussion gestellt“), dann jedoch wieder in der Straßburger Elsässischen Literaturzeitschrift Nr. 115-116, plus ein viertes Mal (soweit mir bekannt) auch im Land un Sproch Nr. 178 der René-Schickele-Gesellschaft in Straßburg. Einmal schreiben, viermal veröffentlichen: So muss man es machen, bravo Frau Guntzz!

Doch es genügte nicht. Statt meine (hier vorliegende) Gegendarstellung zu veröffentlichen, brachte Land un Sproch … einen weiteren Beitrag von Emma Guntz heraus, unter dem Titel „Der Sturm im Wasserglas“, in der Nr. 179 vom März 2012. Es gibt eben die Braven und Anständigen, die publizieren dürfen, zu einem Thema sogar mehrmals nacheinander, und es gibt die anderen. Bei solchen Verhältnissen denkt man und frau natürlich eher an ferne Länder jenseits aller Sümpfe als ans Elsass. Wie gut, dass es in dieser müden und muffigen Ecke Europas (meiner Heimat!) einmal zu einer literarischen Fehde kommt. Wenn auch nur als „Sturm im Wasserglas“ – Hauptsache, es bringt e bissel Luft.

Ich komme auf mein ursprüngliches und Frau Guntz nicht genehmes Prosagedicht in der Allmende zurück. Mein „Vergiss das Elsass“ soll heißen, erstens: Wir Elsass-Lothringer stellen uns so doof an, dass wir es nicht verdienen, dass man sich in Berlin, in Basel, in New York, in Genf, in Brüssel auch nur ansatzweise für uns interessiert. Obwohl wir ein internationales Thema sind, für die Friedensforschung sogar ein sehr reizendes, mit all den Faschistenköpfen, die man hier heranzüchtet. Mein „Vergiss das Elsass“ soll heißen, zweitens: Denkt an uns, trotzdem, interveniert, tut etwas, macht den Mund auf, sagt es dem François, dem Jean-Luc und der Marine, wenn ihr sie antrefft in Rio, in Tokio, in Wasweißichwo, wenn sie euch dort die Moral predigen vom einzig Universalen. Mein „Vergiss das Elsass“ soll aber auch heißen, vor allen Dingen: Meine Sprache, meine Kultur, sie erstickt, sie erstarrt - hab weh, lasst mich in Ruhe!

Das Elsass kann sich nicht befreien“. Vielleicht kann man nicht nachempfinden, was ich da ausdrücke. Das Recht sollte Frau Guntz mir aber gütigst gestatten, es niederzuschreiben, wenn es wenigstens mich befreit. „Könnt mir mein Hemd nehmen, trutzte 1607 schon ein Guilhèm Adèr, in okzitanischer Sprache, lasst mir aber das Mark in den Knochen!“

Natürlich muss man im heutigen Elsass nicht unbedingt engagierte Texte von sich geben, sich immer und überall über das traurige Los unserer Sprache und unserer Freiheiten aufregen. Man darf über die Straßburger Gedeckten Brücken wandeln und dort glitzernde Pflastersteine poetisch aufleben lassen. Sofern man das vermag. Man darf – hier wird eine Volksgruppe mit wie vielen Hunderttausenden vergewaltigt, verdammi! – Weihnachtsmärchen sammeln und Katzengeschichten erfinden. Solange die nicht langweilig sind. Schließlich gibt es  für Katzengeschichten famose Beispiele, man braucht nicht einmal weit zu gehen, zum Beispiel nach Burgund, zu Colette. Tja, Frau Guntz und ihre Katzen: Volle Freiheit also.

Vor Jahren hatte ich einmal einen prächtigen, charaktervollen Kater namens Peter Strolch, ein toller Kerl, voller Charme und rotundweiß gestreift, edel, keiner von diesen Kriechern. Der hätte bei all diesen Guntzschen Geschichten sich noch einmal gestreckt und ordentlich gegähnt. Seine Welt ist eine härtere, und dafür hat er auch Krallen.

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