Mittwoch, 28. Oktober 2020

Christa Ludwig – „Alle Farben weiß“


von Chris Inken Soppa

 

Nach ihrem Lasker-Schüler-Roman „Ein Bündel Wegerich“ beschert uns Eichendorff-Literaturpreisträgerin Christa Ludwig nun eine Erzählung. Ein schmales Buch, eines, das sich zunächst leicht und luftig liest. Eines, dessen Komplexität und Struktur sich nicht auf den ersten Blick offenbart.

 

Studentin Selina möchte Künstlerin werden; die handwerkliche Fähigkeit dafür besitzt sie unbedingt, die Präzision ihrer Finger bewegt sich im Mikrobereich. Die Freiheit jedoch, sich in Kunst und Leben eigene Welten zu schaffen, nimmt sie sich nicht. Stattdessen wird sie nolens volens zur liebevoll-alleinerziehenden Mutter. Und zur Restauratorin. Ein Beruf, den sie zunächst kaum ernst nimmt, über dessen Ehrenkodex sie sich gar lustig macht, weil sie ihn für künstlerisch irrelevant hält.

 

Doch dann bekommt Selina den Auftrag, ein übermaltes Kirchenbild freizulegen. Es von der dilettantisch-abgründigen Malschicht zu lösen, die darüber liegt. Was Selina nach und nach an Gesten, Gewändern und Gestalten aufdeckt, mag sich zu einem mittelalterlichen Bild zusammenfügen, scheint jedoch uralte Gewissheiten zu hinterfragen. Hundertprozentig erfährt man es nicht – wer mag schon die Botschaft eines unbekannten Künstlers vollumfänglich enträtseln, der vor Hunderten Jahren lebte und malte? Die freigelegten Bildfragmente allerdings werden Selina zu Impulsen, die sie Stück für Stück in ihr reales Leben mitnehmen kann.

 

„Alle Farben weiß“ ist ein Buch, das sich mit der Leserin, mit dem Leser entwickelt. Brüche und Leerstellen laden zum Nachdenken ein. Dabei wirkt Christa Ludwigs Sprache klar, klug und schnörkellos-elegant. Ihre Erzählung ist es wert, in regelmäßigen Abständen wieder und wieder gelesen zu werden – vielleicht gar ein Leben lang.

 

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