Dienstag, 20. Januar 2004

Wurstwaren in einer sauberen Auslage: Homepages für Schreibende

- Der Peinlichkeitsfaktor:

Man sollte nicht so naiv sein, zu glauben, daß das Design, das solche Firmen entwerfen, einmalig ist oder bleibt. Das käme sie und den Auftraggeber viel zu teuer. Bei Angeboten um 500 € für zehn Seiten muß man noch froh sein, wenn die Anbieter wenigstens bei jedem dritten Auftrag die Grundfarben ändern und nicht alle Internetanbieter im gleichen badischen oder württembergischen Dorf exakt dieselbe Homepage besitzen.

Meist bringen die Designer dann auch noch einen Verweis auf ihre eigene Homepage auf der des Klienten an. Folgt man diesen BT/ZG/DS/KN-Media-Links, was nicht nur ich tue, dann landet man rasch bei den Firmenreferenzen und stellt dabei fest, daß das „tupfengleiche“ Design auch für das Installateurgeschäft Hahnzu in *heim oder die Metzgerei Schweinrein in *ingen Verwendung gefunden hat. Wem das selbst nicht peinlich genug ist, dem sei gesagt: vielen Usern ist es das.

- Der Vertrauensfaktor:

Würde man den Inhalten trauen, die man von einem Werbebüro aufgetischt bekommt? Netzuser sind diesbezüglich skeptisch geworden. Was bei Metzger Schweinrein noch Sinn macht, daß nämlich sein Designer auch den Content (Inhaltlichkeit, Texte) mit einigermaßen erträglichen deutschen Sätzen füllt, dient bei Schriftstellern nicht gerade der Vertrauensbildung. Wenigstens die Vita und das eine oder andere Statement sollte den ureigenen Stil / Stempel tragen. Wer nicht soviel zusammenbringt, sollte auf die Netzstümperei lieber ganz verzichten.

- Der Faktor Seelenlosigkeit:

Von Agenturen zusammengesetzte Seiten werden als analytisch, kalt, herz- und seelenlos empfunden. Das kann sich eine IT-Firma leisten, die permanent mit der Digitalität und ihren binären Blechdeppen selbst herumlaboriert, aber niemand, der oder die ins bunte Menschenleben greifen soll.

- Der Faktor Unterscheidbarkeit:

Meist sind bei den Angeboten von Designern zehn Seiten inclusive. Alles darüber hinaus kostet extra und wird von uns dankbar abgelehnt, weil zu teuer. Damit fällt der eigene „Content“, alles das, was uns zu Persönlichkeiten macht, unter den Tisch. Es müssen oder sollen ja keine Bilder vom letzten Urlaub sein. Aber wenn eine Kollegin auch schon über die hethitische Kultur gearbeitet hat, ist nicht einzusehen, weshalb ausgerechnet dieser kostbare Unterscheidungsfaktor mangels Geldes verklappt wird.

- Der Faktor Aktualität:

Erfahrungsgemäß sind Seiten, die selbst erstellt worden sind, aktueller als fremd designte Homepages. Dazu trägt der Do-it-yourself-Charakter eben bei: Zeitnot hin oder her, ein bißchen Spaß bringt die eigene Homepage ja auch, und so wird sie wenigstens hinlänglich aktualisiert. Wer aber aktuell ist, wird Besucher nicht nur einmal sehen.

- Der Faktor Design:

Ist für Bildende KünstlerInnen bestimmt wichtig. Für uns, von denen man hierbei keine großen Würfe erwartet, hält er sich stark in Grenzen.

Daneben existiert der Irrglaube, die Erstellung in „professionelle Hände“ zu legen, sichere unweigerlich ein gutes Erscheinungsbild. Kommunikationsdesign ist ein denkbar weites Feld. In Umfragen, die mit dem Thema Webdesign zu tun hatten (v.a. Dr. Web), ergab sich, daß von Werbedesignern erstellte Homepages bei den Usern meist schlechter weg kamen - nicht zuletzt, weil sie oft genug unfunktional waren -, und so wird dort schon länger vor der „Homepage-Klonflut“ gesprochen: Alles wird stromlinienförmig und eintönig. Reizend aber tot. Nett aber doof. Wurstware eben.

- Der Faktor Zusatznutzen:

… fällt bei den designten Homepages ganz weg. Von Zusatznutzen wird gesprochen bei Services, die über den reinen Informationsgehalt hinausgehen: Textproben als PDF, Lesungen als MP3 oder Real Audio-Dateien, oder Informationen zum Sachgebiet, die über das eigene Schaffen hinausgehen.

Eine Umfrage zur Nutzung der Homepages von Schreibenden, die ich selbst zusammen mit KollegInnen und Literaturplattformen über mehrere Monate vorgenommen habe, ergab dabei fo

Wurstwaren in einer sauberen Auslage: Homepages für Schreibende


Noch vor zwei Jahren saßen wir hinter Büchern über die Programmiersprache HTML (HyperTextMarkupLanguage) und haben uns unsere Homepages selbst zusammengeschustert, grob geschwandet, was das Zeug hielt. Entsprechend sah manches Exemplar aus. Aber immerhin hatten nicht wenige von ihnen Charme und Witz. Und waren, so hervorragend häßlich sie auch daher kamen, Ausdruck der Individualität ihrer Urheber.
Mittlerweile geht der Trend dahin, das Thema Netzvertretung so rasch wie möglich vom Tisch haben zu wollen. Vertretung soll oder muß, das ist mittlerweile jedem klar, einarbeiten in dieses abwegige Thema möchte man sich aber nicht auch noch, also möglichst fix irgendwie vertreten sein. Anschließend geht der Auftrag mangels besserer Ideen an eine professionelle Designfirma.
Und gerade darin liegt ein neues Problem: es tauchen im KollegInnenkreis immer mehr professionell designte, dabei aber komplett stromlinienförmig dahin plätschernde, häufig desinformierende, noch häufiger: sinnbefreite Homepages auf, die nichts weiter sind als Wurstwaren in einer sauberen Auslage.
Was genau ärgert daran?

Kommentare:

  1. Ach Martin, sei lieb zu ner ehemligen Stütze (Oder Sülze? Das Gedächtnis versagt. Dfei Zunge knotet vor dem 3. Kaffee.) meines Deutschunterrichts, OK?

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  2. Martin von Arndt26. Januar 2004 um 13:23

    Hm, danke. Allerdings weiß ich nicht, ob mir "lob aus aller herren mundt" wirklich gefallen soll...

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  3. Martin von Arndt29. Januar 2004 um 14:24

    Stimmt, ich hab mal wieder das Shakespeare-Zitat in den falschen Hals bekommen (im "Sommertnachtstrum" ironisch gemeint). Dann entschuldige ich mich natürlich hiermit hochoffiziell bei m-pax und danke für das Lob. Nichts für ungut ;-]

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